Haltung zeigen und Verantwortung übernehmen
Liebe Leserinnen und Leser des Newsletters!
Ich habe im Verlaufe dieser Woche gemerkt, dass meine Gedanken immer wieder zu Ereignissen zurückkehrten, die mich in der vorletzten Woche stark beeindruckt haben und einen intensiven Prozess des Nachdenkens bei mir ausgelöst haben, der wahrscheinlich noch lange nicht abgeschlossen sein wird.
Die erste für mich persönlich beeindruckende Veranstaltung war die Fortbildung des Kollegiums zum Thema „Rassismus und Ausgrenzung“. Üblicherweise erhält man im Rahmen einer Fortbildung zu einem bestimmten Thema Sachinformationen und „Werkzeuge“ für den Schulalltag. Wäre ich mit diesen Vorstellungen und Wünschen in die Fortbildung gegangen, wäre ich sicherlich sehr enttäuscht gewesen. Da ich Teil des Vorbereitungsteams war, wurde mir jedoch bereits in den Planungsgesprächen bewusst, dass diese Fortbildung anders sein würde. Und tatsächlich, sie war deutlich anders.
Im Grunde genommen wurde ich nach einer Konfrontation mit den Schmerzen und dem Leid derer, die jahre- und jahrzehntelang von Rassismus betroffen sind, auf eine Reise geschickt. Diese Reise führte in meine eigene Vergangenheit; ich habe mich auf die Suche nach den Quellen meiner Vorstellungen, Voreinstellungen und Vorurteile gemacht, soweit mir das möglich war. Im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen bin ich tief in meine typisch deutsche eurozentrische Weltsicht eingetaucht, die die Jahre meiner Kindheit und Jugend geprägt hat.
Und am Ende des Fortbildungstages konnte ich erspüren, dass ich Rassismus als gesellschaftliches Phänomen und Problem nicht einfach dadurch für mich in den Griff kriegen kann, dass ich intellektuell und theoretisch an die Sache herangehe. In mir wuchs das Gefühl, dass ich eher Teil des Problems bin und nur gemeinsam mit denjenigen, die die schmerzhafte Erfahrung des Rassismus erleiden und ertragen mussten und müssen, einen neuen Weg einschlagen kann, einen Weg, bei dem ich der Lernende bin und ganz am Ende vielleicht zu einer Lösung etwas beitragen kann. Ich habe die ganztägige Fortbildung mit einem Gefühl des Aufgewühltseins verlassen, in mir war offensichtlich viel in Unordnung geraten...
Die zweite Veranstaltung, die mich auf verschiedenen Ebenen zum Nachdenken gebracht hat und die ich als sehr anregend empfunden habe, war unsere Veranstaltung für die Jahrgangsstufen Q1 und Q2, die in der vergangenen Woche gemeinsam den Film „Ein Nobody gegen Putin“ angesehen haben und danach mit dem ehemaligen Lehrer, der zum Filmemacher und Produzenten wurde, ins Gespräch kommen konnten. Pawel Talankin hat mich zutiefst beeindruckt. Ich könnte hier mehrere Beispiele nennen, will mich jedoch auf ein einziges beschränken.
Als Videograf seiner Schule hatte er die Aufgabe, Schulleben zu dokumentieren. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine wuchsen ihm neue Aufgaben zu, denn Schritt für Schritt mussten Schulen in Russland beweisen, dass sie linientreu arbeiten, den Kindern das ideologisch korrekte Gedankengut einimpfen und sämtliche Bemühungen zur Unterstützung des Krieges mittragen. Zu diesem Zweck wurden Videos angefertigt, die Unterrichte zeigten, sie mussten dem entsprechenden Ministerium in Russland zur Verfügung gestellt werden. Pawel Talankin bekam also nicht nur mit, wie sich seine Schule veränderte, er selbst hatte die Aufgabe, diese Veränderungen zu dokumentieren. Dies war für ihn besonders problematisch, weil er sich schon immer für Freiheit und demokratische Werte eingesetzt hat.
Das für mich Beeindruckende an Pawel Talankin ist, dass er als einzelne Person, der von Anfang an klar ist, dass er eigentlich nichts ausrichten kann gegen den Krieg, gegen Putin und dessen Machtapparat, gegen die Tatsache, dass seine ehemaligen Schüler nach und nach eingezogen werden, dass Kinder um ihre Väter trauern müssen und Schülerinnen um ihre älteren Brüder, die im Krieg gefallen sind, trotzdem eine Entscheidung trifft. In dieser Situation der Ohnmacht trifft Pawel Talankin eine Entscheidung. Er nutzt die Chance des Kontaktes zu einem US-amerikanischen Produzenten und lädt die Filme, die er für das Ministerium in Russland dreht, auch dort hoch, um die Macht der Propaganda, um die Indoktrination der Schülerschaft und der russischen Gesellschaft öffentlich zu machen.
Schließlich muss er seine Heimat, seine Familie und Freunde verlassen, weil die Situation für ihn zu bedrohlich wird. Er schafft es mit den letzten Festplatten unauffällig auszureisen und sein Film „Ein Nobody gegen Putin“ entsteht. Dass dieser Dokumentarfilm ein so großes Echo finden wird, dass dieser Film so viele Menschen weltweit beeindrucken wird, konnte er nicht ahnen. Sichtbares Zeichen der Wertschätzung einer ganzen Branche für Pawel Talankin ist die Oscar-Verleihung für sein Werk und seine Arbeit. Und am Ende hat es sich doch gezeigt, dass diese eine Person, dieser eine Lehrer aus dieser einen Schule nicht ohnmächtig war, sondern eine ungeahnte Wirkung entfalten konnte, der man sich als Zuschauer des Films nicht entziehen kann.
Die dritte beeindruckende Begebenheit der vergangenen Woche war der Gottesdienst anlässlich der Firmung der Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 des Schulzentrums am Samstag vergangener Woche. „Licht der Welt“ – das wollten die Firmanden sein. Unter dieses Motto haben sie den Gottesdienst und ihre Firmung gestellt. Und Bischof Dr. Overbeck hat in seiner Predigt ausgeführt, was es heutzutage heißen muss, „Licht der Welt“ sein zu wollen. Es wurde in seiner Predigt jedem in der Aula deutlich, dass Christsein heute bedeuten muss, sich einzumischen. Christsein bedeutet, dass man Positionen beziehen muss, dass man sich für den Zusammenhalt in der Gesellschaft einsetzen muss und gegen Ausgrenzung durch die politischen Extreme aktiv werden muss.
Licht der Welt zu sein oder die Welt ein wenig heller machen zu wollen, das habe ich persönlich aus der Predigt mitgenommen, darf nicht nur ein schön formulierter Anspruch sein, sondern muss sich in unserem Alltagshandeln und in unseren Positionen zeigen. Doch der Preis ist hoch: Das Leben eines Christen, der ernst macht mit seinem Glauben und seinen Ansprüchen an sich selbst, wird anstrengend und herausfordernd sein.
Wenn ich heute über die Ereignisse der vorletzten Woche nachdenke, die ich gerade geschildert habe, dann verbinden sie sich zu einem großen Bild: Auf der Basis meiner eigenen Sozialisation, auf der Basis der Auseinandersetzung mit dem, was mich geprägt hat, soll und muss ich mich heutzutage als Christ in der heutigen Zeit klar positionieren und Flagge zeigen. Ich muss offen sein für Vernetzung, bereit sein zur Versöhnung, das Verbindende suchen aber auch deutlich machen, an welchen Stellen politisches Handeln und gesellschaftliche Diskussionen mit meinem Christsein nicht in Übereinstimmung zu bringen sind. Und dass ich auch als einzelne Person etwas verändern kann, darf ich ruhig glauben, auch wenn ich am Ende kein Oscar-Preisträger sein werde.
Ich bin persönlich sehr dankbar, diese Nachdenklichkeit, aber auch diese ermutigenden Botschaften und Erkenntnisse in Veranstaltungen gewinnen zu dürfen, die an unserer eigenen Schule stattfinden. Die vorletzte Schulwoche vor den Herbstferien war für mich ein Beispiel dafür, dass wir den Bildungsauftrag am Stoppenberg in einer umfassenden Art und Weise verstehen und uns in gesellschaftlich aktuellen Themenfeldern auf den Weg machen, um gemeinsam mit und für unsere Schülerinnen und Schüler Handlungsoptionen aufzuzeigen. Vielen Dank an alle, die sich immer wieder für solche besonderen Momente im Schulleben stark machen und diese ermöglichen.
Grüße vom Stoppenberg
Rüdiger Göbel, Schulleiter